| Raffaele Fazio |
W E R T V O L L , V O L L W E R T O D E R N U R V O L L W E R T L O S ? Von Raffaele FazioJeder Weinliebhaber hat sicher schon einmal vor einer Flasche Wein gestanden, deren Preis statt stille Ehrfurcht eher Kopfschütteln und dieses "Die-spinnen-doch"-Gefühl verursacht hat. Jeder Weinliebhaber hat aber auch sicher schon einmal vor einer Flasche Wein gestanden, die sein Blut in Wallung brachte und erst der Blick in die Geldbörse oder der Gedanke an den Kontostand das oben erwähnte Kopfschütteln herbeiriefen. Bei beiden Begebenheiten wissen wir nicht, ob wir den Wein denn auch wirklich richtig eingeschätzt haben. Aber bei einer anderen Erfahrung wissen wir es genau: nämlich, als wir einen Wein gekauft hatten, der sich als völlig unzulänglich und unpassend herausstellte. Nun, vor Momenten wie ich sie eben geschildert habe, ist niemand sicher. Sie lassen sich nicht vermeiden, es sei denn, Sie trinken jeden Tag den gleichen Wein, von immer dem gleichen Winzer, und zu tagtäglich dem gleichen Essen. Die Vielfalt auf dem Weinmarkt hat sich in den letzten Jahren nicht nur dramatisch gesteigert, es haben sich - damit verbunden - auch die Preisgefüge, die Vermarktungsformen (Stichwort: 3l-Tetrapack-Box mit herausziehbarem Zapfhahn!!) und die Handelsplattformen verändert. Es ist noch nicht allzu lange her, da war es undenkbar, Premiumqualitäten im Supermarkt, Grand Crus im Warenhaus und Brunello an der Tankstelle erstehen zu können. Damit entstand aber ein Problem, dessen man sich vorher nicht gestellt sah: Die Preisspanne an den verschiedenen "Marktplätzen" ist immens. Jedem Kunden wird klar sein, daß eine Tankstelle keinen ersklassigen Brunello anbieten kann und der Preis für die Weine und alle anderen Produkte, die ich dort kaufen kann, etwas teurer sein müssen, als bei ManniMal oder Ledl. Das erklärt sich durch die kleineren Abnahmemengen und den Vorteil, auch abends nach 21 Uhr noch einkaufen zu können. Interessant wird es allerdings bei einer ganz anderen Art des Weinkaufs. Wenn ich, um bei dem Beispiel zu bleiben, einen Brunello in einer Weinhandlung kaufe und der dafür aufgerufene Preis nicht eben niedrig ist, dann möchte ich sicherlich, daß der Wein mir in einem vernünftigen Verhältnis zum Preis auch Genuß bereitet. Leider stehen aber Preis und Genuß (Qualität sei an dieser Stelle einmal ausgeklammert) nicht in einem proportionalen Verhältnis zueinander. Viele Faktoren kommen bei der Preisbildung hinzu und nicht zuletzt auch der "Promi-Bonus", sprich der Ruf eines Weins oder Weinguts. Das soll nicht bedeuten, daß ein Wein nie ein gutes Preis-Leistungs-Verhältnis aufweist. Wenn ich noch niemals für eine Flasche Wein mehr als zehn Euro ausgegeben habe, und damit immer zufrieden war, den Wein immer als ausgesprochen schmackhaft empfand, und auch etwaige bewirtete Gäste nie unzufrieden waren, dann erscheint mir unter Umständen ein Tropfen für das Dreifache als zu teuer. Habe ich jedoch schon frühen Kontakt zu hochpreisigen Weinen gehabt, sei es durch den Weinkeller der Eltern, den gesellschaftlichen Rahmen, in dem ich mich bewege oder womöglich den ausübenden Beruf, dann ist man von Standardqualitäten aus dem Supermarkt mitunter schnell gelangweilt und legt die Meßlatte kontinuierlich höher. Es gibt tatsächlich Weinliebhaber, deren Überzeugung es ist, ab vierzig Euro nicht mehr einen besseren Wein zu trinken, sondern nur noch ein besseres Gefühl. Ich teile diese Meinung nicht, habe aber auch kein uneingeschränktes Verständnis für die Preisbildung von irgendwelchen Emporkömmlingen in der internationalen Weinszene, deren Produkte innerhalb kurzer Zeit und ohne jeglichen Hintergrund den Preisrahmen nachgewiesener Spitzenweine sprengen. Es gilt an dieser Stelle zu erläutern, warum ein Wein manchmal auch deutlich mehr kosten darf. Als erstes sei die Reblage genannt. Weine, die in hervorragenden Lagen wachsen, deren Fläche naturbedingt klein ist, erfordern eine besonders sorgfältige Behandlung und die Fähigkeiten eines begabten Winzers und Kellermeisters. Vorausgesetzt natürlich, man möchte das Optimum aus der Lage herausholen. Wenn die Produktionsmenge dann zwangsläufig niedrig ist, schlägt sich das im Preis nieder. Das zweite Kriterium sind der Winzer und der Kellermeister eines Weingutes. Überdurchschnittlich begabte Winzer fallen nicht vom Himmel. Es ist ein langer Weg, der Praktika im Ausland, Weiterbildungen und viele Rückschläge mit sich bringt. Das Verständnis für die Rebe und das Terroir wird durch regen Austausch mit Kollegen und Probeanpflanzungen, durch gute (und nicht selten teure) Ausbildungen erst herausgebildet. Solche Investitionen erbringen dann im besten Falle außergewöhnliche Weine, die fast jeden Preis rechtfertigen. Nicht selten kommt es vor, daß ein mittelmäßiges Weingut, welches aber im Besitz von überragenden Reblagen ist, sein Potenzial nicht auszuschöpfen weiß, und erst durch das Engagieren eines Top-Beraters zur Höchstform aufläuft... Nicht nur am Rande, möchte ich auch die Behandlung im Weinberg und den Ausbau der Weine erwähnen. Hochwertige Rot- und Weißweine werden oft in Holzfässern ausgebaut. Aber Faß ist nicht gleich Faß! Gute Fässer sind rar und verlangen große Investitionen. Gleiches gilt für eine langjährige Lagerzeit, der Wein reift und die Lagerkosten müssen, wenn man dauerhaft existieren möchte, leider auf den Kunden umgelegt werden. Auch der ökologische Anbau, dessen Vorteile immer mehr Winzer erkennen, bringt neben der erstaunlichen Qualität auch Kosten mit sich. Ernteausfälle durch Schädlingsbefall können entstehen, da auf Pestizide und Chemikalien im Weinberg verzichtet wird. Das Resultat ist aber der zukunftsweisende Erhalt des "Mikrokosmos Weinberg", da die Natur nicht ausgelaugt wird. Die Garantie, dem Genießer dadurch kontinuierlich Qualität liefern zu können, ist dabei nur einer von vielen positiven Aspekten. Unzählige weitere Faktoren, wie zum Beispiel schwierige Wetterbedingungen, Steuererhöhungen im Erzeugerland oder Teuerungen auf dem Transportweg, die Marktlage etc. führen letztendlich zu dem Preis, den man am Regal in der Weinhandlung oder im Katalog findet. Ich möchte hier nicht den Wert jeder Flasche definieren oder gar rechtfertigen. Ich selbst habe mich auch noch nicht dazu durchringen können 600-800 Euro für eine Flasche Romaneè-Conti auf den Tisch zu blättern, auch wenn das bedeuten würde, Heiligabend 2020 unvergesslich zu machen. Nein, vielmehr möchte ich hier eine Lanze für die Qualität und die Bemühungen aufrechter Winzer brechen. Man kann nicht jeden Tag einen Grand Cru, einen Chambertin oder einen AVATON köpfen. Es wäre auch nicht im Sinne des Erfinders, wenn nicht auch die einfachen, aber gut gemachten Weine ihre Existenzberechtigung hätten. Wer immer nur vom Feinsten kostet, verlernt schnell die Einfachheit zu schätzen, und verpaßt womöglich einen spannenden Teil des Lebens. Aber manchmal ist es eben unerläßlich seine Vorstellungen zu modifizieren, über den Tellerrand zu schauen und etwas zu riskieren,wenn man seinen Horizont erweitern möchte. Es gilt dabei, daß Risiko möglichst klein zu halten, aber es nicht vollständig auszuschalten. Es ist keine Alternative zu einem etwas teureren Barrique-Wein, wenn man einen mit Holzchips "veredelten" Kalifornier bei Eldi oder sonst irgendwo für EUR 2,29 ersteht. Wenn man erst einmal über seinen Schatten gesprungen ist, und eine kleine Investition in ein höherwertiges Lebensmittel geleistet hat – denn was für Wein gilt, gilt auch für Käse, Fleisch, Öl, usw. - ist die Chance eine kleine, kostbare Entdeckung zu machen, enorm. Der Weg zurück steht dann aber noch zu jeder Zeit offen... Wie man den Medien in den letzten Wochen entnehmen konnte, wird zur Zeit das Weinrecht in den USA modifiziert und der Import von chemikalisch stark veränderten Weinen aus Übersee in den europäischen Markt scheint unaufhaltsam. Wasser darf den Alkoholgehalt reduzieren und Holzaromen sind noch die geringsten Übel auf den Zutatenlisten der Missetäter. Auf den ersten Blick scheint dies eine Bedrohung für den Weinbau in den EU-Ländern zu sein, da die Preisgestaltung von "technisch einwandfreien" Weinen aus Kalifornien kaum noch zu unterbieten ist. Auf den zweiten Blick aber, zeichnet sich nach meiner Aufassung, die lange überfällige Trennung von Spreu und Weizen auf dem Markt ab. Die Qualitäten, die in naher Zukunft den Markt überschwemmen werden, sind im Verhältnis zu traditionell vinifizierten Weinen so leicht identifizierbar, daß der Griff zu einem wirklich guten Wein, selbst für den Einsteiger, leicht gemacht wird. Ein guter Winzer hat sich nichts vorzuwerfen. Er wird mit dem "Konkurrenzdruck" eher wachsen, als daran zugrunde gehen. Wir von Vinotaurus.com glauben daran und werden weiterhin die Verfechter des guten Weins tatkräftig unterstützen... Raffaele Fazio |