
Wundersame Wandlungen...
und Wanderungen
Von Raffaele Fazio * * *
In Griechenland und vielen anderen Weinländern standen jahrelang die Mühlen still. Das Bewusstsein mit dem Wein nicht nur ein Genussmittel, sondern auch Tradition und Kultur zu verbreiten, musste vielerorts neu gelernt werden.
Bei unserer Weinreise durch Nordgriechenland haben Kosta Psouroukis und ich den Wandel des griechischen Weinbaus direkt erleben können. Die Zeichen stehen auf Expansion und das Signal zu herausragenden Qualitäten wurde von einigen Größen im Qualitätsweinbau bereits gegeben. Wer jetzt befürchtet, den guten alten Rebensaft durch chemikalisch und technisch konstruierte Produkte, die nur wie Wein aussehen, ersetzt zu bekommen, der sei an dieser Stelle beruhigt und gleichzeitig gewarnt.
Die Möglichkeiten Wein chemisch zu korrigieren, sind natürlich auch in Griechenland bekannt, internationale Ausbildungen der Winzer bringen diese Thematik auch in hellenische Gefilde, aber allen Unkenrufen zum Trotz geht nach meiner Erfahrung die Entwicklung des Weins hier in die richtige Richtung. Ein Winzer, der was auf sich hält - und das schmeckt man aus seinen Weinen meist sehr bald heraus - hat keine Tricks nötig. Nur wer Masse produzieren will, wo keine Rebberge sind oder jeder Tropfen gleich schmecken muss, der greift auf die Chemie zurück.
In den alten Weinbetrieben sitzen mittlerweile nicht selten die Kinder der Winzer und gehen mit ausgezeichnetem Know-How neue Wege und vertreten selbstsicher Stil und Gestaltung der Weine. Im Zusammenspiel von Moderne und Tradition entstehen nun in Griechenland Weine, die international gehandelt und geschätzt werden, und wenn vor ein paar Jahren das Preissegment von 25 bis 35 Euro in Makedonien und dem Peloponnes kaum existierte, so konnten wir jetzt feststellen, daß Weine wie der Perpetuus von Nico Lazaridi oder der Tessera vom Weingut Aivalis zu Recht mit Preisen angegeben werden, die Spitzen-Brunellos oder Grand Crus aus Bordeaux in nichts nachstehen.
Der Wandel im Weinbau hat aber auch noch einen historischeren und emotionaleren Wert.
Während in anderen Ländern der Weinbau ausschließlich durch Anpflanzungen neuer Rebsorten- und flächen modifiziert wird, haben die Hellenen zusätzlich zu den internationalen Rebsorten ihre großartigen autochthonen Trauben neu erweckt und verhelfen nun den, über die Jahrzehnte hinweg etwas angestaubten Weinarten - wie zum Beispiel dem Naoussa und dem Retsina - zu neuen Ehren und manchmal sogar zu nie gekannten Leistungen.
Naoussa ist hierfür ein gutes Beispiel. Während früher die Xinomavro-Trauben mit Stumpf und Stiel vinifiziert wurden und dem Attribut „xino“ – sauer, leider gerecht wurde, findet nunmehr sogar oft eine Selektion der einzelnen Traubenbeeren statt, die hochwertige und langlebige Weine erbringt. Auch das Terroir spielt an den Hängen des Vermion-Gebirges eine immer größere Rolle, denn die Winzer und Kellermeister sind heute sehr wohl in der Lage die Unterschiede des Bodens zu erkennen und zu ihrem Vorteil (oder besser gesagt zum Vorteil des Weins und damit zu unserem - dem des Genießers) zu nutzen.
Der Verbraucher selbst hat diese Entwicklung ins Rollen gebracht ohne es so richtig zu merken. Denn in dem er sich, von bestimmten Geschmacks-vorstellungen geleitet, mit einem neuen Weinstil aus Übersee angefreundet hat, hat er eine ähnliche Geschmacksrichtung in den heimischen Gefilden gesucht – und lange Zeit nicht gefunden. Über Weinpatriotismus habe ich mich bereits in einem anderen Editorial ausgelassen, aber genau darum geht es auch hier: Die Winzer standen mit ihren einheimischen Weinen unter dem Druck der Überseestile! Und man wollte doch auch Produkte des eigenen Landes trinken!
Der Verbraucher wollte auf einmal kraftvolle und alkoholstarke Cabernets und – was vor gar nicht so langer Zeit in Europa fast undenkbar war - eichenholzwürzige Weißweine! Diesem Wunsch nachkommend hat man auch in Griechenland begonnen Cabernet und Sauvignon Blanc zu pflanzen, hat überall in Europa die Weine ausdrucksstark vinifiziert und den ansonsten typisch europäischen Durchschnittsalkoholgehalt von 11.5%-12% beim Weißwein und 12.5% beim Rotwein um 1-2 Prozent angehoben. Zu diesem Zeitpunkt (etwa vor 15 Jahren) galten hohe Volumenprozente als Qualitätsmerkmal... So kam der Chardonnay nach Deutschland, der Cabernet Sauvignon nach Griechenland und das Barrique nach Italien (man denke an die „Supertoskaner“ nach bordelaiser Vorbild). Wurde der Alkohol im Wein damals noch bewußt angehoben, so wird er jetzt durch die globale Erwärmung schon wieder zum Problem: Gegen einen australischen Zinfandel mit 15.5% kommt kein Kotelett an! Strange World!
In Griechenland haben der Cabernet und der Merlot längst ihren Siegeszug begonnen und das zu Recht, denn hier entstehen spannende Weine aus diesen „global players“ der Weinszene, und dennoch werden die indigenen Rebsorten (nicht nur von vinotaurus) mit zunehmendem Interesse beobachtet, vinifiziert, getrunken und neben die Syrahs und Pinot Noirs der Welt gestellt.
Wenn ich mir anschaue, zu welchen Höchstleistungen ein simpler Silvaner in Franken oder ein Weißburgunder in Rheinhessen fähig ist, sobald der Winzer den Ertrag niedrig hält und die Temperatur bei der Vinifikation kontrolliert, dann ist es für mich trivial, das auch Winzer in Griechenland, die in Geisenheim oder Baden-Württemberg Önologie studiert haben, aus einem einfachen Roditis oder einem unterbewerteten Liatiko wundersame Weine zaubern können, die Abende mit Geschichten über ihr Land erzählen können. Aber man muss sich darauf einlassen...!
Die Magie des Xinomavro haben auch wir uns erst „ertrinken“ müssen - oder besser gesagt: dürfen! – denn nur weil ein Wein jahrelang aus seinem Schattendasein als Altherrenwein nicht heraus kam, bedeutet das nicht zwingend, dass eine Rebsorte nicht auch anders behandelt werden kann und ihr Charme sich dadurch von einer anderen und interessanten Seite zeigt.
Unser Ziel wird für die Zukunft sein, den Weinen Griechenlands (und außerhalb von vinotaurus, sozusagen privatim, den Weinen der restlichen Welt) ihr anderes Gesicht zu entlocken; den einen Winzer zu fordern, den anderen zu fördern und den Kunden oder Gast zu führen.
In Piräus liefen in der Antike die Schiffe sicher in den Hafen ein und mit ihnen kamen die fremdartigsten und schönsten Güter der Welt nach Griechenland.
Wir versuchen Sie, den Genießer, in die Rebberge Griechenlands zu leiten, und glauben sie mir: So manches Fremdartige und Schöne wartet seit gestern, heute, und vielleicht ab morgen auf ihren Gaumen und ihre Zustimmung.
Gute Reise!
Raffaele Fazio
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