Raffaele Fazio - Editorial 12/06 *** Alle Editorials gibt es hier!




Wer den Braten riecht...
... der steht nicht selbst in der Küche!

Von Raffaele Fazio


* * *

Weihnachten steht mal wieder im Kalender, die Temperaturen waren noch selten so mild wie in diesem Jahr und bei herrlichem Sonnenschein und neu knospenden Bäumen duftet alles um uns herum nach „dem Jesus sein Geburtsdach“. Wahrhaftig, seit Oktober kann man den Winteraromen nicht mehr entgehen. In jedem Joghurt ist Zimt, in jedem Brot ist Lebkuchengewürz und Nüsse oder Bratapfelaroma versüßen die Milchmischgetränke der Kinder auf dem Schulhof.

Jetzt kommt die Zeit der Saisonware par excellence, denn jede Tafel Schokolade Modell „Wintertraum“ hat spätestens Ende Januar gegessen zu sein. Auch im Wein- und Spirituosenhandel werden alle Register gezogen und neben Malt Whisky, Portwein, Rotweinsets und Champagner (für´s Fest und den Jahreswechsel) bietet man gleich noch die Pastete oder den Kaviar dazu an.

Mir macht es Spaß in einem riesigen Angebot zu schwelgen, mit den Händlern zu fachsimpeln, sich auch mal auf Neues einzulassen und eben genau das zu kaufen, was man nur im Winter genießen kann.

Aber es gibt auch Menschen, denen das Angebot und die Weihnachtszeit allgemein zu anstrengend ist. Oft sind es die Leute, zu denen man dann schließlich eingeladen wird: Freunde, Verwandte oder der Lebenspartner, der in diesem Jahr dafür sorgen muss, dass den Gästen alles Recht ist.


Wer kennt das nicht: Der eine Gast ist Vegetarier, der andere isst kein Wild, Onkel Herbert mag keinen Fisch und Mutter ist vom Doktor auf Diät gesetzt worden, obwohl sie schon im letzten Jahr gegessen hat wie ein Spatz. Ach ja, und dann sind da noch die „Nicht-Wein-Trinker“ und die „Egal-Wein-Trinker“, bei denen man einfach keine Chance hat, zum Festbraten einen außergewöhnlichen Wein zu entkorken, weil sie ihn entweder nicht trinken oder aber trinken, den Vergleich mit ihrem Dornfelder zuhause von der Winzergenossenschaft anbringend. Da möchte man den Grand Cru am liebsten wieder verkorken...!



Fakt ist, man hat´s als Gastgeber nicht leicht es allen Recht zu machen und gleichzeitig selbst auf seine Kosten zu kommen. Die Arbeit hinter dem Menü wird nur selten wahrgenommen, die Wege die man gegangen, um ein bestimmtes Gericht servieren zu können, hat man oft genug alleine zurückgelegt. Da bleibt in vielen Fällen keine Zeit für Weihnachtsstimmung und Glockenspiel. Wer an Heiligabend in der Küche steht, riecht den eigenen Braten kaum, und sei er noch so köstlich.

Um ihnen die Auswahl der Gerichte und der korrespondierenden Weine etwas leichter zu machen, habe ich mir ein paar Gedanken gemacht und hoffe, dass sie in irgendeiner Weise hilfreich sind, falls sie einen Tipp brauchen.

1. Es ist sehr selten, dass ein Gast kein Geflügel mag. Ein Puter oder ein Truthahn sehen immer toll aus, sind in allen möglichen Gewichtsklassen zu haben und schmurgelt, wenn er erstmal im Ofen ist, stundenlang gemächlich vor sich hin, während man selbst genug Zeit hat, anderes vorzubereiten und sich ein Glas Champagner zu gönnen.

2. Wenn sie Fisch geplant haben, vermeiden sie die fetteren Sorten (Karpfen, Steinbeißer, Makrele,Heilbutt...). Sie haben einen „fischigeren“ Geschmack, der oftmals nicht gemocht wird. Forelle oder Bachsaibling, Kabeljau oder Seeteufel sind neutraler.

3. Es soll Menschen geben, die kein Wild oder Lamm mögen. Wenn aber in einer größeren Runde gespeist wird und fast alle Wild mögen, dann greifen sie zu Reh oder Wildschwein... Hase und Hirsch sind zu herb und animalisch. Reh stellt eine ganz zarte Variante von Wild dar.

4. Wenn es schnell gehen soll oder muss, ist man mit Rindersteaks oder Schweinefilet auf der sicheren Seite. Außerdem kann man die Steaks nach Wunsch Medium, Rare oder Well Done braten.


Bei der Weinauswahl kann man auch ein paar goldene Regeln festlegen:

1. Damen lieben Merlot, die Herren mögen Cabernet Sauvignon. Für die Damen darf der Wein meist etwas fruchtiger und samtiger sein, die Herren fühlen sich mit kräftig-erdigen Weinen in ihrer männlichen Art bestätigt.

2. Wenn man Rotwein serviert, in einer Gesellschaft deren Geschmack man nicht genau kennt, dann empfehlen sich mittelschwere Weine, die keine allzu strenge Tanninstruktur haben: Chianti Classico oder sehr guter Beaujolais Cru, Agiorgitiko oder sehr guter badischer Spätburgunder. Vermeiden Sie Barolo (zu herb und eigenwillig), Bordeaux Grand Cru (da sollte man sich wirklich auskennen, um einen trinkreifen Wein zu bekommen) sowie Weine aus der Neuen Welt (Kalifornien, Chile Südafrika... Viele Weintrinker sind Traditionalisten und verurteilen Weine, die 6000 Flugkilometer hinter sich haben; Griecheland liegt da viiiiel näher und zählt ganz sicher nicht zur Neuen Welt!!!)

3. Beim Weißwein haben viele Menschen Probleme mit der Säure. Wenn sie also nicht sicher sind, kaufen sie lieber Grauburgunder oder Chardonnay statt Riesling, Silvaner ist neutraler als Gutedel oder Gewürztraminer und Weine mit zu starkem Fassgeschmack sind immer ein Wagnis.


Wenn sie die „Weihnachtsspeisung“ wirklich feierlich gestalten wollen, schenken Sie zur Begrüßung etwas Prickelndes aus. In jedem Falle ist es stilsicherer, einen sehr guten Winzersekt auszuschenken, als einen billigen Champagner vom Aldi oder ähnlichen „Topanbietern“! Ich würde einen Sekt vom Schloß Vaux oder von Menger-Krug jederzeit einem Champagner vom Discounter vorziehen, auch wenn die Stiftung Warentest ihn direkt in den Himmel lobt! Champagner für 13 Euro ist und bleibt ein Widerspruch in sich und ist immer auf der peinlichen Seite des Genusses.

Alle Tips und Anregungen haben natürlich nur Vorschlagscharakter. Es sind meine Erfahrungen, die ich in vielen Jahren gesammelt habe und mit denen ich selten falsch lag. Das wichtigste Kriterium für ein gelungenes Weihnachtsessen ist Entspanntheit. Wer sich stresst, macht sich selbst und seinen Gästen keine Freude. Weihnachten ist ein besinnliches Fest und sollte Besinnlichkeit ausstrahlen, das gilt auch für die Gäste, die den Gastgeber und seine Bemühungen nicht als selbstverständlich betrachten sollten, denn ein Lob tut allen gut; dem, der es bekommt und dem, der es ausspricht...


In diesem Sinne wünsche ich allen Lesern, Kunden und Freunden von vinotaurus.com ein genussvolles, entspanntes, beschauliches und schönes Weihnachten im Jahre 2006. Essen Sie gut, trinken Sie noch besser und kommen Sie mit guten Vorsätzen gesund ins neue Jahr!


Ihr Raffaele Fazio