| Raffaele Fazio - Editorial 10/06 *** Alle Editorials gibt es hier! |
![]() Es ist nun mal ein Hobby von mir! Meine Lebensgefährtin verdreht zwar nur allzu oft die Augen darüber, hat aber letztenendes doch Verständnis, wenn ich mal wieder für Stunden mit meiner Weinliteratur oder den aktuellen Weinzeitschriften im Ledersessel versinke. Seit Jahren lese ich regelmäßig diverse Magazine und Bücher und habe mir somit ein Bild der Trinkgewohnheiten verschiedener Nationen und Kulturen machen können. Es ist wirklich interessant zu beobachten, wie sich beispielsweise das Trinkverhalten der Deutschen in den letzten, sagen wir mal, zehn Jahren, verändert hat, während es in Italien zu stagnieren scheint.
In den vergangenen Jahren haben sich die deutschen Weinbauverbände darum bemüht, den deutschen Wein wieder salonfähig zu machen und mit Qualitätssteigerungen und innovativem Handeln den Markt sowohl im Inland als auch außerhalb der Grenzverläufe neu zu erobern. Mit Erfolg: Der Wein aus deutschen Landen hat an Akzeptanz gewonnen und gleichzeitig den Weg für das Verständnis für ausländische Weine gebahnt. Die Vielfalt an internationalen Weinen aller Art ist in Deutschland beispielhaft. In Italien oder Frankreich eine Flasche Ribera del Duero oder einen Fendant zu kaufen wird sehr schnell zum Abenteuer. Eine Flasche Nemea von guter Qualität zu bekommen grenzt an Unmöglichkeit. Eine zaghafte Verbesserung der Situation wird zur Zeit nur durch große Supermarktketten eingeleitet.
Nationen, die über viele Jahrzehnte keinen nennenswerten Weinbau vorweisen konnten, sehen sich nicht mit dem Problem des Weinpatriotismus konfrontiert. Der Import verschiedener Weine aus aller Herren Länder war und ist noch immer obligatorisch, auch wenn der Weinbau im eigenen Land mittlerweile durchaus hervorragende Früchte trägt. Als Beispiel seien hier die USA und Großbritannien genannt, der berühmte Export von „Liebfrauenmilch“ auf die britischen Inseln und der Erfolg vieler Kellereien auf dem amerikanischen Markt reflektieren eindrucksvoll welches Interesse an ausländischen Weinen in diesen Ländern besteht. In den USA wird Wein als Luxus betrachtet; Man genießt ihn in Gesellschaft und nutzt ihn sicherlich auch zu einem beträchtlichen Teil als Statussymbol. Sich mit Wein auszukennen, gilt als mondän und chic, der Preis spielt eine wesentlich geringere Rolle als zum Beispiel in Deutschland, eine Tendenz, die auch in Japan zu beobachten ist, wo man für alte Weine aus Bordeaux und Burgund auf internationalen Versteigerungen Höchstpreise erzielt. Dem Wein als Naturprodukt und Lebensmittel wird diese Behandlung sicher nicht immer gerecht, auch wenn ein Amerikaner oder Japaner eher bereit ist, kostbare Weine auch irgendwann einmal zu trinken, als das ein Deutscher womöglich tun würde. Bedenken muß man allerdings auch den Aspekt der Verfügbarkeit von unterschiedlichen Qualitätsstufen beim Wein, will man ein unverfälschtes Bild vom Trinkverhalten der Länder erhalten. Da in den USA sehr viel guter Wein produziert wird, und die Einfuhrbestimmungen erst in letzter Zeit etwas vereinfacht wurden oder werden sollen, kann man sich vorstellen, dass niemand in den Vereinigten Staaten großes Interesse daran hat, einfache Landweine aus der Navarra oder der Pfalz zu importieren. Das Preis-Leistungs-Gefälle wäre zu groß und da man sowohl in den USA als auch in Japan gerne klotzt statt kleckert, existiert der Markt für einfache Weine so gut wie gar nicht. Natürlich werden Zweiliterflaschen mit Retsina oder billiger Rioja auch in diese Länder exportiert, aber sie haben dort nicht den gleichen Marktanteil wie in den europäischen Märkten, wo für Wein eben weniger pro Flasche ausgegeben wird. In Deutschland, Frankreich, Spanien oder Italien bedienen zahlreiche Winzergenossenschaften, Handelshäuser mit Eigenmarken und Massenproduzenten den Markt und decken den Bedarf an bezahlbaren Tischweinen, die man in geselliger Runde mal eben so wegtrinkt, ohne über den Schluck nachdenken zu müssen. Auch das ist eine Art Weinkultur, die die Natur des Weins womöglich sogar besser beschreibt als es das Vergöttern namhafter Kreszenzen jemals vermag. Idealerweise sollte man als Genießer zu beiden Varianten des Genusses eine Affinität haben: Den Wein als Lebensmittel unkompliziert handhaben zu können, aber auch in der Lage zu sein, voller Ehrfurcht die alten Jahrgänge im Keller zu bestaunen. Wie sooft im Leben macht´s die Mischung.
Wer aus Stolz auf sein Land nur heimische Wein probiert, kann nicht behaupten alle anderen würden nicht schmecken. Wer alles Fremde negiert, findet sich irgendwann isoliert und belächelt; Denn noch immer ist die Vielfalt die Würze des Lebens und Offenheit für das Andere wird immer mit Anerkennung belohnt werden. Den Gewinn, den man dadurch von sich selbst erhält, den kann man ohnehin nur im Stillen messen. |