Raffaele Fazio - Editorial 10/06 *** Alle Editorials gibt es hier!






Franzosen trinken anders - Spanier auch!



Von Raffaele Fazio




Es ist nun mal ein Hobby von mir! Meine Lebensgefährtin verdreht zwar nur allzu oft die Augen darüber, hat aber letztenendes doch Verständnis, wenn ich mal wieder für Stunden mit meiner Weinliteratur oder den aktuellen Weinzeitschriften im Ledersessel versinke. Seit Jahren lese ich regelmäßig diverse Magazine und Bücher und habe mir somit ein Bild der Trinkgewohnheiten verschiedener Nationen und Kulturen machen können. Es ist wirklich interessant zu beobachten, wie sich beispielsweise das Trinkverhalten der Deutschen in den letzten, sagen wir mal, zehn Jahren, verändert hat, während es in Italien zu stagnieren scheint.

Da ich meine italienischen Wurzeln nicht leugnen kann, habe ich auch ein gewisses Recht zur Kritik des Verhaltens eben dieser Nation. Es ist eine Tatsache, dass Sie in einem konventionellen italienischen Haushalt Wein finden werden. Italienischen Wein. Sonst nichts. Es ist eine Tatsache, dass ein Italiener nur unter Folter französischen Wein, und nur unter Androhung von politischen Sanktionen deutschen Spätburgunder trinkt. Im gleichen Maße muss man im Normalfall einem Franzosen narkotisieren und intubieren, damit er einen Viertelliter Chianti zu sich nimmt. Verstanden habe ich diese Rivalität und Abneigung nie. Ausnahmen bestätigen die Regel, aber meine Erfahrungen mit dem Konkurrenzkampf unter den großen Weinbauländern sind tatsächlich empirisch.

In den vergangenen Jahren haben sich die deutschen Weinbauverbände darum bemüht, den deutschen Wein wieder salonfähig zu machen und mit Qualitätssteigerungen und innovativem Handeln den Markt sowohl im Inland als auch außerhalb der Grenzverläufe neu zu erobern. Mit Erfolg: Der Wein aus deutschen Landen hat an Akzeptanz gewonnen und gleichzeitig den Weg für das Verständnis für ausländische Weine gebahnt. Die Vielfalt an internationalen Weinen aller Art ist in Deutschland beispielhaft. In Italien oder Frankreich eine Flasche Ribera del Duero oder einen Fendant zu kaufen wird sehr schnell zum Abenteuer. Eine Flasche Nemea von guter Qualität zu bekommen grenzt an Unmöglichkeit. Eine zaghafte Verbesserung der Situation wird zur Zeit nur durch große Supermarktketten eingeleitet.

Möglicherweise liegen die Ursachen für diese Art des „Weinpatriotismus“ in der Weise, wie in den einzelnen Ländern Wein konsumiert wird. In Italien trinkt man Wein fast ausschließlich zum Essen, selten wird eine Flasche geöffnet, um eine geruhsame Stunde damit zu verbringen. In Frankreich ist eine ähnliche Tendenz erkennbar: Wein und Speisen sind in Frankreich nahezu untrennbar miteinander verwoben, allerdings macht ein Franzose gerne auch mal eine gute Flasche auf, nur um sie zu genießen, jedoch findet man dann meist auch ein Stück Käse oder Baguette, welches dazu passt...! Der somit eher traditionelle Charakter des Weinkonsums (zuhause, im Kreise der Familie und mit heimischen Produkten auf dem Teller) lässt den Weinfreund dann doch zu einer einheimischen Flasche greifen und nicht zu dem Produkt aus dem Nachbarland.

Nationen, die über viele Jahrzehnte keinen nennenswerten Weinbau vorweisen konnten, sehen sich nicht mit dem Problem des Weinpatriotismus konfrontiert. Der Import verschiedener Weine aus aller Herren Länder war und ist noch immer obligatorisch, auch wenn der Weinbau im eigenen Land mittlerweile durchaus hervorragende Früchte trägt. Als Beispiel seien hier die USA und Großbritannien genannt, der berühmte Export von „Liebfrauenmilch“ auf die britischen Inseln und der Erfolg vieler Kellereien auf dem amerikanischen Markt reflektieren eindrucksvoll welches Interesse an ausländischen Weinen in diesen Ländern besteht.

In den USA wird Wein als Luxus betrachtet; Man genießt ihn in Gesellschaft und nutzt ihn sicherlich auch zu einem beträchtlichen Teil als Statussymbol. Sich mit Wein auszukennen, gilt als mondän und chic, der Preis spielt eine wesentlich geringere Rolle als zum Beispiel in Deutschland, eine Tendenz, die auch in Japan zu beobachten ist, wo man für alte Weine aus Bordeaux und Burgund auf internationalen Versteigerungen Höchstpreise erzielt. Dem Wein als Naturprodukt und Lebensmittel wird diese Behandlung sicher nicht immer gerecht, auch wenn ein Amerikaner oder Japaner eher bereit ist, kostbare Weine auch irgendwann einmal zu trinken, als das ein Deutscher womöglich tun würde.

Bedenken muß man allerdings auch den Aspekt der Verfügbarkeit von unterschiedlichen Qualitätsstufen beim Wein, will man ein unverfälschtes Bild vom Trinkverhalten der Länder erhalten. Da in den USA sehr viel guter Wein produziert wird, und die Einfuhrbestimmungen erst in letzter Zeit etwas vereinfacht wurden oder werden sollen, kann man sich vorstellen, dass niemand in den Vereinigten Staaten großes Interesse daran hat, einfache Landweine aus der Navarra oder der Pfalz zu importieren. Das Preis-Leistungs-Gefälle wäre zu groß und da man sowohl in den USA als auch in Japan gerne klotzt statt kleckert, existiert der Markt für einfache Weine so gut wie gar nicht. Natürlich werden Zweiliterflaschen mit Retsina oder billiger Rioja auch in diese Länder exportiert, aber sie haben dort nicht den gleichen Marktanteil wie in den europäischen Märkten, wo für Wein eben weniger pro Flasche ausgegeben wird.

In Deutschland, Frankreich, Spanien oder Italien bedienen zahlreiche Winzergenossenschaften, Handelshäuser mit Eigenmarken und Massenproduzenten den Markt und decken den Bedarf an bezahlbaren Tischweinen, die man in geselliger Runde mal eben so wegtrinkt, ohne über den Schluck nachdenken zu müssen. Auch das ist eine Art Weinkultur, die die Natur des Weins womöglich sogar besser beschreibt als es das Vergöttern namhafter Kreszenzen jemals vermag.

Idealerweise sollte man als Genießer zu beiden Varianten des Genusses eine Affinität haben: Den Wein als Lebensmittel unkompliziert handhaben zu können, aber auch in der Lage zu sein, voller Ehrfurcht die alten Jahrgänge im Keller zu bestaunen. Wie sooft im Leben macht´s die Mischung.

Über die Jahre hinweg habe ich versucht meinen Mitmenschen eben dieses Verständnis für den Wein zu vermitteln. Es macht Spaß, frischen Silvaner aus dem großen Frankenbecher zu trinken und in großen Schlucken das Schnitzel runterzuspülen... in lustiger Runde kann das mehr Entspannung bringen als man glaubt. Und trotzdem möchte ich die Abende nicht missen, an denen ich für mich allein eine Flasche aus dem Keller hole und mich darin verlieren kann, den Boden schmecke, auf dem die Rebe wuchs, und jeder Schluck neue Erkenntnisse bringt, wie die Seiten eines Buches, die man umblättert, um in ihnen zu versinken.

Wer aus Stolz auf sein Land nur heimische Wein probiert, kann nicht behaupten alle anderen würden nicht schmecken. Wer alles Fremde negiert, findet sich irgendwann isoliert und belächelt; Denn noch immer ist die Vielfalt die Würze des Lebens und Offenheit für das Andere wird immer mit Anerkennung belohnt werden. Den Gewinn, den man dadurch von sich selbst erhält, den kann man ohnehin nur im Stillen messen.