Raffaele Fazio über Weinbewertungssysteme

W E I N B E W E R T U N G S S Y S T E M E –
Ein paar Gedanken zu einem heiklen Thema...

     Von Raffaele Fazio



Stellen Sie sich vor, ein recht unerfahrener Genießer möchte sich in die Welt der Weine einarbeiten und sich ein paar vernünftige und vorzeigbare Flaschen in den Keller legen...
Er weiß vielleicht aus Erfahrungen mit anderen Händlern, daß man im Laden nicht immer uneigennützig bedient wird und möchte sich ein bißchen informieren, um nicht ganz unvorbereitet in der Weinhandlung zu stehen. Er geht also in die Buchhandlung und besorgt sich ein paar Bestseller der Weinliteratur und ein, zwei Weinzeitschriften mit den aktuellen Weingeschehnissen darin. Und hier geht die eigentliche Geschichte los...



Weinbewertungssysteme der unterschiedlichsten Art gibt es schon sehr lange und immer schon wurde darüber diskutiert, welches System das sinnvollste ist und den Eigenarten des Weins am ehesten Rechnung trägt.

Da gibt es z.B. das "Parker-System". Robert Parker, seines Zeichens Papst von Bordeaux und König von Burgund, hat ein System entwickelt, daß Weine in einer Skala von 0-50 gar nicht erfaßt und selbst mit ungenießbaren Weinen erst ab der Bewertung 51 beginnt. Die Weine werden daraufhin irgendwo auf dieser Skala bis 100 bewertet, wobei Standardqualitäten etwa bei 72-80 zu finden sind, die Weine mit mehr Finesse und Charakter irgendwo bei 85-90 und folglich die Spitzenqualitäten in den 90ern. Das Prinzip wird auch von einigen Weinfachmagazinen verwendet, obschon es nicht frei von Kritik ist und immer wieder im Kreuzfeuer anderer Fachleute steht.

Außerdem gibt es auch das "Johnson-System" (s.Anm.); angewendet von und mit Hugh Johnson; Brite, altgedienter Soldat im Kampf gegen den schlechten Wein und Verfasser des meistverkauften Weinführers der Welt.
In seinem System gibt es keine Einzel-Punkt-Abstufungen von 50 bis 100, sondern nur Sternchen... – herrlich einfach und gar nicht so kompliziert, wie man es vielleicht von einem Briten erwarten würde. Die Sternchenriege geht von * bis * * * * und stellt eine übersichtliche Bewertung dar, die alle Weine der Welt somit in lediglich vier Gruppen unterteilt. Hmmm...

Aber auch die Mischung kann´s machen und hat ihre Daseinsberechtigung. Es gibt nämlich auch Weinfachliteratur, die sich beider Systeme in Kombination bedient. Unsere Weinbibel, der Alpha Wine Guide für griechische Weine, bewertet in der 2005er Ausgabe 763 Weine sowohl mit einem Zifferwert von 70 bis 100 als auch mit einer Sternchenwertung von * bis hin zu * * * * * . Hier wiederum werden die Bereiche von 70-74 mit einem Stern, der Beurteilungsrahmen von 75-79 mit zwei Sternen usw. zusätzlich definiert.

Alle Bewertungssysteme der Welt sind mir leider nicht bekannt, und die Erläuterungen dazu würden sicherlich den hier vorhandenen Rahmen sprengen; aber ich hoffe, das Problem, dem der oben erwähnte Genießer nun gegenübersteht, ist etwas anschaulich geworden:
Welchem System kann, soll oder muß er denn nun Glauben schenken, wenn er die Richtige finden möchte?



Na klar: Es gibt die Weinbeschreibung an sich, in Prosa und mal mehr und mal weniger sachlich. Aber: Der Verkostungsbericht ist nicht immer nachvollziehbar und sicher auch nie ganz objektiv – wobei ich natürlich jedem Verkoster das Streben nach Objektivität nicht abstreiten will –, und einen Wein probieren kann man

a. nicht in jeder Weinhandlung
b. im Online-Shop schon gar nicht und
c. wahrscheinlich gibt es keinen Weinhändler, der Sie eine Flasche Léoville-Las-Cases oder eine Bouteille Dom Perignon mal eben in der Weinhandlung testen läßt...!

Wenn er also eine Lösung haben möchte, muß er sich ein paar Fragen an sich selbst stellen.

Er muß wissen, wie sicher sein eigenes Geschmacksempfinden ist, um, wenn er sich nach dem "Johnson-System" orientiert hat, die Unterteilung des Sternchenrahmens für sich selbst anzuwenden und bestmöglich auszuschöpfen bzw. wenn er sich dem "Parker-System" zugewandt hat, diese Feinstunterschiede zwischen einem Wein mit z.B. 86 und einem mit 88 Punkten tatsächlich wahrzunehmen und somit den eigentlichen Sinn des Systems auch wirklich für sich zu nutzen.
Außerdem sollte sich unser Genießer fragen, ob er grundsätzlich bereit ist, den Preis des Weines, den er letztendlich ausgewählt hat, auch zu zahlen. Oftmals werden Weine mit Bewertungen versehen, die den Preis nicht mit einbeziehen, was bedeuten kann, daß die Auserwählte den finanziellen - oder schlichtweg - den gesellschaftlich-kulturellen Rahmen sprengt, denn eine 40-Euro-Flasche Chateauneuf-du-Pape zum Grillabend ist zwar Klasse, aber doch eher "overdressed".
An dieser Stelle gliedert sich auch automatisch die nächste und vorerst letzte Forderung an, nämlich daß man sich mit den Kriterien der Bewertung auseinandersetzt; soll heißen: Wie wird in dieser Weinbeurteilung was bewertet.
"Herrje", denkt sich unser angehender Weinfreund jetzt vielleicht. "So viel Aufwand und so viel Mühe wegen ein paar Flaschen Wein"?

Zugegeben: einfach ist das alles nicht!

Auch ich habe mich jahrelang in die Weinliteratur einlesen müssen. Immer wieder gab es neue Erkenntnisse und neue Tipps zum Weinkauf.
Aber es kamen auch viele neue Weinländer, Weinbauregionen, Rebsorten und – last but not least – neue Weine auf den Markt. Eine Modifikation des vorhandenen Wissensstandes konnte nicht ausbleiben.
Weinbewertungen welcher Art auch immer sind und bleiben eine sinnvolle Einrichtung und es obliegt ausschließlich dem Genießer, welchem System er etwas für seine - ganz spezifischen - Bedürfnisse abgewinnen kann. Eine zumindest rudimentäre Auseinandersetzung mit der Theorie ist dabei allerdings unerläßlich.

Die Überschrift sprach von einem "heiklen" Thema. Und ich wäre nicht ich, wenn die Kritk an den Weinbewertungssystemen ausbliebe.
Natürlich hat Mr. Parker recht, wenn er versucht, die komplexesten Weine der Welt mit einem sehr genauen Beurteilungsrahmen zu definieren. Aber ist es denn wirklich möglich, einem Wein X 92 Punkte zu geben und dem Wein Y 90 oder gar 91? Wo ist die Grenze zur Haarspalterei? Und ist ein Schönheitsfehler nicht genau das, was uns einen Wein manchmal abgöttisch lieben läßt? Sind (oft sogar beabsichtigte) Ecken und Kanten nicht doch Merkmale, die einen Wein so herrlich individuell machen?
Ich empfinde es jedenfalls so, und von den unverstehenden und mitunter mitleidigen Blicken mancher Weinfreunde habe ich mich schon lange nicht mehr ärgern lassen.

Herr Johnson hat aber auch nicht zwingend recht, wenn er lediglich vier Bewertungskategorien anbietet. Wein ist vielseitig, und Jahrgänge können extrem unterschiedlich ausfallen. Ein Weingut mit drei Sternen zu beurteilen, bedeutet für den Leser und Genießer, daß er einen Wein von einem bekannten und berühmten Weingut im Laden ersteht. Das sagt aber noch nichts über den Wein an sich aus, denn nicht selten hat ein Weingut viele verschiedene Weine im Repertoire und - weiß Gott - sind nicht alle immer hervorragend.

Und schließlich haben wir noch das kombinierte System. Im Alpha Wine Guide wird der Punkte-Rahmen zwar mit 70-100 angegeben, aber die bislang maximal erreichte Punktzahl liegt bei 89 Punkten. Und wie ich selbst erfahren habe (und jeder Kunde bei vinotaurus.com das gerne auch tun kann) existieren in Griechenland durchaus Weine, die eine Note in den 90ern verdient hätten. Der ohnehin schon kleine Punktespielraum wird also praktisch noch nicht ausgeschöpft. Möglicherweise sehr vorausschauend, denn die Qualität im griechischen Weinbau steigt rasant, der Bewertungsrahmen aber hat noch "Luft".
Witzigerweise haben allerdings, diese Bemerkung sollte hier nicht fehlen, einige dieser Weine in Weinmagazinen, die nach dem Parker-Prinzip arbeiten, tatsächlich Bewertungen von 94 oder 95 Punkten erzielt und den umtriebigen Weinfreund entweder erfreut oder verwirrt...!



Letztlich bleibt unserem Weinneuling aber doch noch ein guter Rat:

Es ist kein Verbrechen, in einer Weinhandlung zu stehen und keine Ahnung zu haben. Das Verkaufspersonal in einem echten Weinfachgeschäft sollte mit dieser Situation vertraut sein und mit Verständnis und Erklärungsbereitschaft reagieren. (Eigentlich auch mit Freude, denn schließlich ist da ja ein neuer Weinkonsument.) Wenn man dann eine Flasche Wein aus dem mittleren Preissegment mitnimmt und sie nicht die Erwartungen erfüllt, ist es zum einen sicher kein Grund, den Bankrott zu verkünden und ebenfalls kein Verbrechen, mit der Flasche in den Laden zurückzukehren, sie auf Fehlerhaftigkeit testen zu lassen und, wenn kein Mangel ersichtlich ist, mit dem Händler gemeinsam die Problematik zu klären, um einen weiteren Fehlkauf zu verhindern. Kein Verkäufer ist perfekt, und selbst erfahrenen Weintrinkern passiert es immer mal wieder, den falschen Griff gemacht zu haben.
Ein Weinbewertungssystem ist nach meinem Dafürhalten immer eine brauchbare Richtlinie, manchmal ein Vergleichsmittel, aber nie ein Ersatz für den eigenen Geschmack...

Mein Partner und ich haben mit der Tatsache, einen Online-Shop zu führen, natürlich nicht die Möglichkeit, mit dem Kunden die Weine zu probieren; außer natürlich bei den von uns veranstalteten Verkostungen. Trotzdem können wir uns freuen, bisher fast (ich geb´s zu) jeden Kunden zufriedengestellt zu haben.
Ich habe versucht, meine Weinbeschreibungen lebendig und trotzdem sachlich zu formulieren. Mein Hang dazu, manchmal etwas zu poetisch zu sein, rührt von einer sehr emotionalen Neigung zum Wein her. Es gibt eben Momente, in denen sich Wein so herrlich in die Situation, in der er getrunken wird, fügt, und es widerstrebt mir dann einfach, einen Wein nach seinem Restzucker oder seinem Säureverhältnis zu beurteilen!
Wie aber bereits erwähnt - ich bemühe mich, den Kunden ein eindrucksvolles Weinerlebnis zu bescheren, sowohl durch die Auswahl unserer Weine, als auch durch nachvollziehbare Beschreibungen.

Wenn Sie als Genießer und Weinfreund – ungeübt oder als Connaisseur – auf eine neue Flasche Wein treffen, dann hoffe ich und wünsche Ihnen, daß Sie dabei denselben Entdeckergeist und dieselbe Vorfreude erleben wie ich es tue. Jedes Glas Wein nimmt Sie mit auf eine Reise; Sie müssen nur den Koffer packen...




Anmerkung:

In Hugh Johnsons Weinführer "Der kleine Johnson" wird das "Johnson-System" an sich anders beschrieben. Es handelt sich hierbei um einen Geschmacks- und Sympathietest bezüglich eines Weins. Ich habe den Begriff "Johnson-System" gewählt, um die Bewertungsart im Weinführer zu verdeutlichen.